Großes Hauptquartier am
21. Oktober 1914

Ulrich Mößlang Optik Heydenreich der  Tauchbrillenspezialist  und  zertifizierter Sport-Optiker  
 
Fernkampfwerke, Bunker, Infanteriestützpunkte, Stellungen und Festungen der Österreicher und Ex Forte der Italiener aus dem ersten Weltkrieg in den Alpen, Dolomiten, Verona, Venezien und Friaul.  Denkmäler in München, Bayern und dem Rest der Welt.


Wenn wir die Entwicklung unseres Feldzuges überblicken, müssen wir zugeben daß Prozentsatz der bisher erzielten Erfolge den ganz hervorragenden Leistungen unserer schweren Batterien zuzuschreiben ist. Abgesehen von der technischen Leistungen unserer schweren Artillerie muß man aber auch die Umsicht unserer Heeresleitung bewundern, die es verstanden hat, diese gewaltigen Fortschritte auf artilleristischem Gebiet vor den Gegnern geheim zu halten. Die schwere Artillerie trat seit langer Zeit zum ersten Male in dem Krieg zwischen Rußland und Japan in Erscheinung, dem ersten Feldzuge, bei dem in den Kämpfen um Liaojan und Mukden die Form des Stellungskampfes in so ausgesprochenem Maße zur Geltung kam, wie es jetzt in diesem Kriege der Fall ist. Es ist wohl den meisten, die sich näher mit diesem Feldzuge beschäftigt haben, noch im Gedächtnis, wie General Nogi nach dem Fall von Port Arthur auf grundlosen chinesischen Wegen seine schweren Batterien zur Schlacht von Mukden heranführte und durch ihr Feuer den Durchbruch am Bahnhof von Mukden entscheidend vorbereitete. Schon früher wurde im deutschen Heere die Bedeutung eines Geschützes zur stärkeren Wirkung gegen befestigte Stellungen erkannt und diesem Bedürfnis zunächst durch Einführung der Haubitzen bei der Feldartillerie, später dann auch durch Aufstellung der Bespannungsabteilungen der Fußartillerie für die 15 Zentimeter-Feldhaubitze Rechnung getragen Kein Mensch aber ahnte, in welch großartigem Stile man bereits damals die Einfügung schwerster Kaliber in die mobilen Formationen plante. Es kam noch hinzu, daß in den letzten Jahren lebhafte Polemiken über die höchste Kalibergrenze im Gange waren und daß man lange Zeit ein Hinaufgehen über 28 Zentimeter als bedenklich und unrentabel mit Rücksicht auf die rasche Abnutzung der Rohre bezeichnete. Die deutsche Heeresleitung aber überließ diese wissenschaftlichen Auseinandersetzungen anderen und arbeitete im stillen weiter.
Nun kam der Krieg. In die für uneinnehmbar gehaltenen Lütticher Forts hagelten auf einmal Geschosse hinein, vor denen die stärksten Betonschichten zerbarsten und Panzerkuppeln wie Glas zersprangen. Es waren die Bomben der 42 Zentimeter-Belagerungsmörser. Mit ihrem Auftreten erschien ein Faktor auf dem Kampffelde, mit dem unsere Gegner nicht gerechnet hatten, ja dessen Herstellung sie technisch für nicht möglich erklärt hatten. Damit kam auch der erste große Rechenfehler in ihren Kriegsplan. Denn die Festungen der Maaslinie Lüttich - Namur - Antwerpen verloren damit ganz gewaltig an Wert. Selbst die stärksten Forts wurden unter dem Einschlag dieser Eisenkolosse in kürzester Zeit in Trümmerhaufen verwandelt. Ich habe die geradezu verblüffende Wirkung dieser gewaltigen Geschütze in Fort Loncin, Namur, Lier usw. bereits geschildert. Ich gehe wohl nicht zu weit, wenn ich behaupte, daß selbst das stärkste Fort von Paris innerhalb kurzer Zeit das gleiche Schicksal unter dem Feuer der 42 Zentimeter-Mörser erleidet wie seine Vorgänger, und daß der Fortgürtel von Paris keinen Schutz mehr für die Hauptstadt Frankreichs bietet, sobald wir ihn erst einmal richtig angefaßt haben.

Österreichischer 30,5 cm Mörser in Brüssel

Diese schwersten Kaliber, die man naturgemäß nur zum Wirkungsschießen (im Gegensatz zu dem vorbereitenden Schießen zur Ermittlung der Entfernung) in seiner reinsten Form einsetzt, finden eine glänzende Ergänzung in den Motormörserbatterien der Österreicher. Wenn auch ihr Kaliber von 30,5 Zentimeter nicht an das unserer schwersten Geschütze heranreicht, so ist ihre Wirkung doch so groß, dass auch sie dem gegenwärtigen Stand der französischen und belgischen Befestigungskunst weit überlegen sind. Wo die österreichisch-ungarischen Motorbatterien feuerten, da erzwangen auch sie nach kurzem Kampfe unbedingt die Feuerüberlegenheit, und wenn es sich um Befestigungen handelte, die Vernichtung des zu beschießenden Kampfobjekts. Ein nicht zu unterschätzender Vorzug der österreichisch-ungarischen Motor-Batterien liegt in ihrer sehr großen Beweglichkeit und raschen Feuerbereitschaft, da sie schon nach zehn Minuten vom Instellungsetzen an gefechtsbereit sind. Man kann sie daher rasch nach Erledigung ihrer Kampfaufgabe an einen anderen Punkt werfen, wo sie durch ihr Feuer dann die Feuerüberlegenheit erzwingen können.
Durch den Fall von Antwerpen sind eine große Anzahl unserer 42 und 30,5 Zentimeter-Mörser frei geworden. Ich glaube, man wird bald an anderer Stelle von ihnen hören.
Angesichts dieser gewaltigen Rohrdurchmesser gehören die 21 Zentimeter-Belagerungsmörser fast schon zu den kleinen Kalibern, und doch waren auch sie schon stark genug, Fort Fleron bei Lüttich, einige Forts bei Namur, Longwy sowie auch Forts von Antwerpen bis zur Sturmreife zusammenzuschießen. Auch bei diesen Batterien, die bekanntlich den größten Tvp unserer bespannten Fußartillerie darstellen, ist ihre hohe Beweglichkeit sehr vorteilhaft. Bei allen diesen schweren Kalibern hat man übrigens die sehr angenehme Entdeckung gemacht, daß die Schüsse, auch nachdem die zahlenmäßig festgelegte Höchstbelastung der Rohre erreicht ist, keineswegs an Treffsicherheit verlieren, sondern auch weiterhin ihre Präzision beibehalten. Ich möchte, was den Punkt Präzision anbetrifft, nur an Fort Lier für die 42 Zentimeter-Mörser erinnern, wo jeder einzelne Panzerturm für sich getroffen war, wo das Feuer so genau verteilt war, daß eine ganz geringe Schußzahl der 42er die völlige Vernichtung dieses gewiß nach den bisherigen Begriffen sehr starken Fort zur Folge hatte. Dasselbe Bild bot sich im Fort Waelhem bei Antwerpen wo die Österreicher gefeuert hatten, in Givet, Maubeuge und vor allem im Fort des Ayvelles, wo die 21 Zentimeter-Kaliber die Geschütze der in offener Batterie stehenden französischen Batterien genau getroffen und zertrümmert hatten. Neben der enormen Durchschlagswirkung dieser schweren Steilfeuergeschütze ist aber auch die Gaswirkung dieses Mal sehr stark Erscheinung getreten. Unter dem Einfluß der giftigen Dämpfe, welche die Explosion der einschlagenden Geschosse zur Folge hatte, brachen die nicht getroffenen Mannschaften ohnmächtig zusammen. Bei den Forts Manonvillers und Lonciu bildete diese Erstickungsgefahr die Hauptursache der Übergabe.
Bei den 15 Zentimeter-Geschützen haben wir die sowohl bei Verdun wie auch bei Antwerpen mit großem Erfolge verwendeten Flach- und die Steilfeuergeschütze zu unterscheiden. Die ersteren entsprechen dem Typ unserer modernen Schiffsgeschütze und verfügen über eine sehr rasante Flugbahn und große Treffgenauigkeit sowie eine außerordentlich große Schußweite. Sie werden mit Vorliebe dazu verwendet, um Straßen, Geländeabschnitte usw. mit Feuer zu decken. Ihnen fiel übrigens auch die Ehre zu, Antwerpen selbst unter Feuer zu nehmen. Die 15 Zentimeter-Feldhaubitze wird auch gegen Zwischenbatterien im Festungsgelände oder in Feldstellung sowie zur Unterstützung der Haubitzen der Feldartillerie bei Beschießung von Schützengräben eingesetzt.
Wenn wir uns dagegen die Feldformationen unserer Gegner ansehen, so finden wir als einziges Feldsteilfeuergeschütz die 15 Zentimeter Rimailho-Haubitze der Franzosen. Alles andere sind Improvisationen, welche die Not geboren hat. Selbst bei der Feldartillerie finden wir an Stelle der Haubitzen nur den die Treffgenauigkeit so stark herabsetzenden Malandrinschen Ring (eine Vorrichtung, die das Geschoß zwingt, eine steilere Kurve zu durchfliegen), aber keine Steilfeuergeschütze. Die Festungs- und Schiffsgeschütze, die man sowohl von französischer wie auch vor allem von englischer Seite in die große Schlachtfront eingebaut hat, reichen, was Wirkung anbetrifft, bei weitem nicht an die deutschen und österreichisch-ungarischen Batterien heran. Vor allem fehlt ihnen auch die große Beweglichkeit und der bereits bei Aufstellung der deutschen und österreichisch-ungarischen Batterien berücksichtigte, vorzüglich geleitete und organisierte Munitions- und Werkzeugpark.
Wie sich daher auch die Kämpfe weiterhin entwickeln mögen, das eine können wir stets festhalten: Wir besitzen in unseren schweren Batterien eine Trumpfkarte, die nicht überstochen werden kann, und einen Vorsprung, der in wenigen Monaten sich von unseren Gegnern auch bei den größten Anstrengungen nicht einholen läßt. Wo wir daher in der Lage sind, unsere schweren Batterien in genügender Zahl zum Angriff einzusetzen, werden sie uns auch, gleichgültig ob es sich
um Festungen oder Feldstellungen handelt, durch ihr gewaltiges Feuer stets den Weg zum Siege bahnen.