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Die militärische Bewertung einer
Festungslinie, die ihre Feuertaufe nie bestehen musste, ist
selbstverständlich auch immer ein Stück Spekulation. Dennoch soll
hier versucht werden, die technische Ausführung des Vallo Alpino
anhand der Schicksale vergleichbarer Festungslinien zu untersuchen.
Hierzu bieten sich zwei zeitgenössische Beispiele an: Die
französische Maginot-Linie, deren Konzeption und Bau in die gleiche
Zeit fällt, und die griechische Metaxas-Linie, die ebenfalls im
unwegsamen Gebirge lag.
Die Maginot-Linie wurde im Juni 1940 von
deutschen Truppen an mehreren Stellen durchbrochen, allerdings zu
einem Zeitpunkt, als das Gros der französischen Armee bereits in
Nordfrankreich geschlagen war. Hierbei wurden zwei unterschiedliche
Taktiken eingesetzt: Der Beschuss der Scharten mit panzerbrechenden
Geschossen aus PAK- und FLAK-Geschützen sowie der Angriff durch
Sturmpioniere mit speziellen Sprengmitteln wie den neuen
Hohlladungen. Ein Beispiel für den erfolgreichen Beschuss war der
Rheinübergang bei Markolsheim im Elsass: Die Panzertürme und sogar
die Betonmauern der Kasematten wurden vom deutschen Ufer aus mit
8,8-cm-FLAK unter Punktfeuer genommen und nach mehreren Treffern auf
die gleiche Stelle durchschlagen, so dass die Besatzungen die Werke
aufgeben mussten. Die Werke waren an dieser Stelle der Festungslinie
nur mit MG’s oder PAK bewaffnet und konnten sich praktisch nicht
wehren, da die unterstützende Artillerie fehlte.
Das Infanteriewerk La Ferté in Lothringen
fiel den Sprengladungen der deutschen Sturmpioniere zum Opfer, die
im Nahkampf Schießscharten und Panzertürme außer Gefecht setzten.
Den im Inneren entfachten Bränden und ihren giftigen Brandgasen fiel
dabei die gesamte Besatzung von über 100 Mann zum Opfer. Auch
hierbei versagte die Unterstützung durch die eigene Artillerie zur
Deckung des Werks. Von den größeren Artilleriewerken der
Maginot-Linie fiel jedoch trotz Bombardierung mit Sturzkampfbombern
und Beschuss mit 42-cm-Mörsern kein einziges.
Die griechische Metaxas-Linie wurde 1941
ebenfalls von deutschen Sturmpionieren im zähen Nahkampf
niedergerungen. Die MG-Scharten wurden bei den Angriffen von außen
mit Sandsäcken zugestopft und unwirksam gemacht, in die Auswurfrohre
für Handgranaten schoben die Pioniere einfach Handtücher und
schalteten somit ein an sich probates Mittel der Nahverteidigung
aus. Auch in diesem Fall war die Artilleriedeckung der Griechen
unzureichend.
Wie ist unter diesen Gesichtspunkten der
Vallo Alpino zu bewerten? Die Infanteriewerke hatten eine gewisse
Staffelung in die Tiefe, auch legte man großen Wert auf eine
gegenseitige Deckung der Werke mit MG’s. Zu fast jeder Sperrgruppe
sollte ein Artilleriewerk gehören, das meist in Felskavernen
angelegt war und daher gegen Bombenangriffen weitgehend immun war.
Ein Angriff mit 8,8-cm-FLAK aus höchstens 1000 m Entfernung wäre
unter diesen Umständen nicht einfach gewesen. Allerdings wurden die
meisten Artilleriewerke überhaupt nicht fertig gestellt oder gar
bewaffnet. Nachteilig war aber die frontale oder flankierende
Ausrichtung der MG’s und Geschütze in Kasematten, die keine
Rundumwirkung erlaubten. Ein seitliches Umgehen der Stützpunkte
durch Gebirgstruppen oder eine Landung von Fallschirmjägern hinter
den Werken hätte fatale Folgen haben können, da die Werke von hinten
nur schwach geschützt waren. Eine wirksame Deckung der Festungen
durch die eigene Artillerie hätte ein sehr effizientes
Nachrichtennetz vorausgesetzt. Die wenigsten Werke besaßen Funk, das
Telefonnetz war verwundbar, da die Kabel im Gebirge nicht tief genug
verlegt werden konnten und die Schächte der Lichtsprechgeräte hätte
ein beherzter Angreifer mit ein paar Schaufeln Sand schnell blind
machen können.
Man darf nicht aus dem Auge lassen, dass ein
Festungssystem sich niemals nur alleine auf seine Bauwerke stützt,
sondern vielmehr auf die Soldaten, die diese Werke nutzen. Ob die
italienische Armee mit ihrem niedrigen Ausbildungsstand und ihrer
zahlenmäßigen Schwäche jemals einem gewaltsamen Angriff der
deutschen Wehrmacht im Jahr 1940 oder 1941 hätte standhalten können,
kann eher angezweifelt werden. Im Jahr 1943, als die politische Lage
eine starke Grenzbefestigung notwendig gemacht hätte, war Italien
militärisch schon zu keinem ernsthaften Widerstand mehr fähig. Eine
denkbare Sprengung der Tunnels und Viadukte der Brennerbahn war zu
diesem Zeitpunkt für die deutsche Wehrmacht eine größere Bedrohung
als die Betonkolosse links und rechts der Verkehrsachsen.
Tatsache bleibt, dass die Kosten für den
Vallo Alpino del Littorio in keinem Verhältnis zu seinem Einfluss
auf das Zeitgeschehen und das Schicksal Italiens standen. Es bleibt
nun zu hoffen, dass einige Werke des Alpenwalls für die
Öffentlichkeit aufbereitet und zugänglich gemacht werden. Sie
könnten dadurch eine neue Rolle als Zeitzeugen eines kriegerischen
Europas der betonierten Grenzen übernehmen.
Die Sperrgruppen in Südtirol |