|
Ein ganz besonderes
Kapitel des Vallo Alpino ist die Tarnung seiner Bauwerke. Diese oft
sehr gelungene Tarnung ist heute einer der Gründe, warum seine
Existenz einem Durchreisenden oft gar nicht bewusst ist: Er hat die
Bauwerke einfach noch nicht wahrgenommen! Schon vor den ersten
Baumaßnahmen wurde von einer speziellen Tarntruppe geplant, wie die
Bauwerke unauffällig in die Landschaft integriert werden konnten.
Bei den Kavernenwerken richtete sich die Lage eines Kampfstands
nicht ausschließlich nach der günstigsten Waffenwirkung in das
Vorfeld, sondern auch nach einer möglichst unauffälligen Integration
in das Gelände. Die Baudurchführung wurde so geplant, dass möglichst
nur geringe Veränderungen der Landschaft vorgenommen werden mussten.
Bei Kavernenwerken mussten anschließend hauptsächlich die
Waffenscharten und Eingänge getarnt werden. Betonbauwerke wurden
durch Bepflanzung mit heimischen Gewächsen der Landschaft
angeglichen. Die Wände selbst wurden auch mit ortsüblichen Gesteinen
verblendet, mit Erdreich angeschüttet oder aber es wurden mit Erde
gefüllte Taschen in das Mauerwerk eingelassen, die mit Kräutern oder
Farnen bepflanzt wurden. Die mächtigen Waffenscharten mit ihren
typischen geometrischen Formen wurden mit Läden verschlossen, die
mit Maschendraht bespannt waren. Auf dieses Geflecht wurde
eingefärbter Zementmörtel aufgetragen, der in Form und Farbe dem
Umgebungsgestein glich. Wenn solche Blenden heute noch vorhanden
sind, sind diese Scharten für das ungeübte Auge extrem schwer zu
erkennen.


Die Panzertür des Werks Nr. 14 am Reschenpass ist durch die
kunstvoll modellierte Felsattrappe nur aus nächster Nähe zu
erkennen. Auch der umgebende Felsen ist künstlich geschaffen. Erst
nach dem Öffnen offenbart sie ihr Geheimnis. Die Tarnung stammt noch
aus den 40er Jahren.
Im militärischen Sprachgebrauch unterscheidet man zwischen Tarnen
und Täuschen. Tarnen bedeutet, etwas zu verstecken, indem man es
seiner natürlichen Umgebung anpasst. Unter Täuschen versteht man,
einen Gegenstand als etwas ganz anderes, harmloses auszugeben, ohne
dass er eigentlich unsichtbar wird. Einige Bauwerke wurden zur
Täuschung als Häuser, Schuppen oder Heuschober verkleidet. Obwohl
diese sehr einfallsreiche und kunstvolle Maßnahme auf den ersten
Blick sehr wirksam aussieht, hat sie doch einen schwerwiegenden
Nachteil: Ein gegnerischer Richtschütze, der einmal erkannt hat,
dass aus einem freistehen Schuppen auf einer Almwiese geschossen
wird, wird diesen Schuppen immer wieder ohne Schwierigkeiten als
Ziel wieder erkennen und erfassen können. Eine in einer Felswand
verborgene MG-Scharte hingegen ist durch ein Zielfernrohr betrachtet
immer schwer zu finden und zu bekämpfen.

Das Werk Nr. 18 der Sperrgruppe Mals wurde als ACQUEDOTTO
COMUNALE, als kommunales Wasserwerk getarnt. Das restliche Mauerwerk
war ursprünglich unter bemalten Holzbrettern versteckt, die ein
ziviles Bauwerk vortäuschen sollten. Spätestens nach dem ersten
Schuss aus den Schießscharten wäre diese Täuschung wertlos geworden.
Die Betonbauwerke waren durch Erdaufschüttungen und Bewuchs in
Feindrichtung getarnt, problematisch war hierbei, dass der Bewuchs
unter Umständen das eigene Schussfeld einschränkte und zugleich
einem Gegner das unbemerkte Annähern erleichterte. Schwierig zu
tarnen waren Scharten und Eingänge zu Durchgangsstraßen hin. Der
Vorschlag, diese Öffnungen als Plakatwände zu verblenden, täuschte
wahrscheinlich keinen Gegner nachhaltig.
Der Besucher Südtirols
trifft heute bezüglich der Tarnung drei Klassen von Baumwerken: Die
ersten Klasse liegt meist grenznah und wurde auch nach dem Zweiten
Weltkrieg vom italienischen Militär genutzt. Hier wurden die
ursprünglichen Blenden durch modellierte und bemalte Läden aus
Kunstharz ersetzt. Die Jahrzehnte haben den Bewuchs wuchern lassen,
so dass sich in Felswände integrierte Anlagen nur dem vorgewarnten
und misstrauischen Auge offenbaren. Die zweite, seltenere Klasse
besitzt noch die Originaltarnung und ist ebenfalls schwer zu
entdecken. Häufiger findet man in den hinteren Linien die Bauwerke
der dritten Art: Diese sind bis Kriegsende nicht fertiggestellt
worden und später auch nicht vom Militär genutzt worden. Sie sind
durch hoch aufragende Wände und glatte Betonflächen leichter zu
entdecken. Hier zeigt sich deutlich, um wie viel unauffälliger
Kavernenwerke auch in diesem unfertigen Zustand versteckt werden
konnten.
Technische Einrichtungen des Alpenwalls |