|
Obwohl alle europäischen
Festungswerke dieser Epoche gleichermaßen so genannte
Linienfestungen waren, unterschieden sie sich in ihren Konzeptionen
zum Teil ganz wesentlich. Eine Ursache dafür war unter anderem die
unterschiedlichen Kriegserfahrungen der Staaten und ihre
verschiedenen Staats- und Menschenbilder. So zeigte beispielsweise
die französische Maginot-Linie einen Hang zum Technisch-Verspielten.
Sie sollte dem kostbaren Soldaten und Staatsbürger dieses
bevölkerungsarmen Landes maximalen Schutz bieten. Der deutsche
Westwall hingegen sollte mit seinen 22 000 Bunkern das Rückgrat für
ein angriffsbereites Millionenheer bilden.
Die militärische Konzeption
des Vallo Alpino ist auf die Lehren zurückzuführen, die die
italienische Armee aus den Ereignissen des Ersten Weltkriegs zog.
Die Erfahrungen des Stellungskrieges zeigten einerseits, dass
prinzipiell jede Stellung von einem Gegner überrannt werden konnte.
Zum anderen bewiesen die Endkämpfe an der Piave und am Monte Grappa
im Jahr 1918 aber auch, dass die zuvor gewonnenen Schlachten der
Österreicher noch lange keinen gewonnen Krieg bedeuten mussten. Als
Konsequenz daraus wurde der Vallo Alpino nicht als eine einfache
Kette von Festungswerken angelegt, wie das beispielsweise bei der
französischen Maginot-Linie in den 30er Jahren der Fall war. Statt
dessen konzipierte man eine stark in die Tiefe gestaffelte Anlage,
die im Fall des Eisacktals von den ersten Sperranlagen am
Brennerpass über Franzensfeste bis zu den letzten Anlagen südlich
von Bozen reichte!
Der Gebirgskrieg von 1915
bis 1918 in den Alpen hatte bewiesen, wie schwer Anlagen zu
bekämpfen waren, die in Felskavernen angelegt waren. So wurde auch
beim Bau des Alpenwalls versucht, wo immer möglich Anlagen in
Kavernen anzulegen, zumal dies gegenüber Betonbauwerken auch eine
erhebliche Senkung der Baukosten einbrachte.
Die Doktrin des
Gebirgskrieges, dass ein siegreicher Feldzug nur über die Gipfel der
Berge erfolgen könne, wurde spätestens im Jahr 1917 mit der 12.
Isonzoschlacht widerlegt. Damals stürmten die österreichischen und
deutschen Truppen durch das Isonzotal bis in die Oberitalienische
Ebene, wobei sie die italienischen Stellungen auf den Gipfeln
beiderseits des Isonzotals einfach ignorierten. Als Konsequenz aus
dieser Erfahrung verzichtete man beim Vallo Alpino weitgehend auf
den Bau von Gipfelbefestigungen und konzentrierte sich fast
ausschließlich auf den Bau von Tal- und Passsperren.
Der Hochgebirgskrieg stellte
die Truppen wegen des unwegsamen Geländes vor große logistische
Probleme. Eingenommene gegnerische Stellungen konnten oft nicht
gehalten werden, weil es keine entsprechenden Nachschubwege gab.
Daher schafften die Italiener in den 30er Jahren an der Grenze ein
dichtes Netz von Militärstraßen, die nicht nur zur Versorgung
bestehender Stellungen dienten, sondern auch in die möglichen
Ausgangsstellungen für eigene Gegenangriffe führten. Einige dieser
Straßen wie das Timmelsjoch oder der Staller Sattel wurden nach dem
Zweiten Weltkrieg für den allgemeinen Verkehr ausgebaut.
Viele Gipfelstellungen, die
sofort nach dem Beginn der Feindseligkeiten im Jahr 1915 besetzt
wurden, konnten durch ihre begünstigte Lage über Jahre gegen die
Angriffe des Feindes gehalten werden. Daher wurden entlang der
Grenzkämme, oft nur wenige Meter hinter der Grenzlinie, kleine
Kasernenanlagen errichtet, die in Krisenzeiten eine sofortige und
andauernde Besetzung strategisch wichtiger Punkte erlauben sollten.
Schöne Beispiele von diesen Anlagen findet man am Monte Helm am
Karnische Kamm oder auf dem Markinkele.
Die einzige
Bewegungsschlacht des Ersten Weltkriegs an der Alpenfront war die so
genannte 12. Isonzoschlacht, bei der es Österreichern und Deutschen
unter Einsatz von Giftgas gelang, die Front zu durchbrechen und die
Italiener bis zur Piave zurückzuschlagen. Die Angst der
italienischen Militärs vor den neu entwickelten Nervengasen steckte
daher tief. Bei der Planung der Festungsanlagen wurde daher dem
Gasschutz eine besondere Bedeutung beigemessen.
Die technische Entwicklung der Festungslinie |