Der Alpenwall in Südtirol

 

Die technische Entwicklung der Festungslinie

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Ulrich Mößlang der Tauchbrillenspezialist

 

Die technische Entwicklungsgeschichte des Alpenwalls entlang der gesamten italienischen Nordgrenzen lässt sich an den verschiedenen Rundschreiben ablesen, in denen der Generalstab die Aufgaben und die Bauausführung der Befestigungen definierte. Im Rundschreiben Nr. 200 vom 6.1.1931[1] findet sich eine ausführliche Beschreibung der strategischen und taktischen Aufgabe der Festungskette. Auch einzelne Konstruktionsdetails wie Bauweise, Bewaffnung und technische Ausstattung wurden hier dargestellt. Das Erscheinungsdatum kann als die Geburtsstunde des Vallo Alpino gelten, dessen Bau sich damals noch auf die Grenzen zu Frankreich und Jugoslawien beschränkte. 

Gemäß dem Rundschreiben Nr. 200 sollten an der Grenze Sperrgruppen errichtet werden, die im Spannungsfall durch feldmäßige Befestigungen ergänzt werden sollten. Diese Sperrgruppen wurden aus Festungsbauten gebildet, die gemeinsam Gebirgspässe oder Talengen sperren sollten. Eine durchgehende Festungslinie war in den Alpen nicht vorgesehen, da die Hochgebirgskämme an sich schon genügend Sperrwirkung gegen offensive Truppenbewegungen boten.  

Die Festungsbauten wurden als Widerstandszentrum („Centro di Resistenza“) bezeichnet oder kurz Centro genannt. Sie gehörten gemäß der Nummer des Rundschreibens zum Typ 200. Die Hauptbewaffnung stellte das Maschinengewehr (MG) dar. Jedes MG war innerhalb eines Widerstandszentrums in einem eigenen Kampfraum hinter einer Panzerplatte aufgestellt. Die Feuerlinien der MG’s kreuzten sich vor und zwischen den einzelnen Befestigungen und bildeten dadurch ein dichtes Netz, das jeden Durchbruch feindlicher Infanterie verhindern sollte. In panzergängigem Gelände waren die Widerstandszentren zusätzlich mit Panzerabwehrkanonen (PAK) bewaffnet. Die Eingänge zu den Bauten wurden durch MG’s verteidigt, die durch Schießscharten in den stählernen Panzertüren wirken konnten. 

Die meisten Festungslinien der europäischen Länder bevorzugten zu dieser Zeit eine flankierende Wirkung ihrer Waffen. Sie richteten sich also nicht frontal gegen den Feind, sondern praktisch parallel zur Frontlinie. Die Scharten waren dadurch dem feindlichen Artilleriefeuer abgewandt und kaum zu zerstören. Andererseits waren die Festungsanlagen bei einem direkten feindlichen Angriff selbst relativ wehrlos und auf die Deckung durch ihre Nachbarwerke angewiesen. In Italien fällt hingegen die große Zahl frontal wirkender MG-Scharten auf. Sie waren einerseits für feindliches Feuer willkommene Ziele, andererseits konnte sich ein einzelnes Werk so auch selbst gegen heranstürmende Feinde wehren. 

Diese Bauwerke sollten wo immer möglich in Felskavernen angelegt werden und auch nach einem schweren gegnerischen Artilleriefeuer noch einsatzfähig sein. In flachem Gelände wurden die Widerstandszentren als Betonbunker errichtet. Die Ausstattung war aber in beiden Fällen die gleiche:

Zwei bis fünf Maschinengewehre in gepanzerten Kampfständen, bombensichere Unterkünfte für die Besatzung, die je nach Werksgröße 20 bis 50 Mann betrug, eigene Stromversorgung durch ein Aggregat, eine Ventilation mit Gasschutzeinrichtungen, Nachrichtenverbindungen, Vorratslager für Wasser, Lebensmittel und Munition, Latrinen und manchmal eine Küche. 

Zu dieser ersten Widerstandslinie gehörten auch zusätzliche bombensichere Unterkünfte für die Infanterie, deren Aufgabe die aktive Verteidigung der Sperrlinie in der Form von lokalen Gegenangriffen war. Hinter dieser vordersten Widerstandslinie befanden sich die Aufstellungen für die Artillerie, Munitionslager, Unterkünfte für die Reserven und Nachschubverbindungen durch eigens dafür angelegte Militärstraßen. Die Artillerie wurde teilweise in feldmäßigen Stellungen aufgestellt, aber auch in Kavernenanlagen, die im wesentlichen die gleiche technische Ausführung wie die Widerstandszentren der ersten Linie besaßen. Hinter dieser Sperrgruppe sollte ein durchgebrochener Gegner durch vorbereitete Straßensprengungen und Hindernisse aufgehalten werden. 

Mehrere Werke bildeten zusammen einen Stützpunkt, der einem eigenen Kommandanten unterstand. Bei größeren Sperren wurden mehrere Stützpunkte zu einer Sperrgruppe zusammengefasst, die wiederum von einem höheren Kommandanten in einem rückwärtigen größeren Werk befehligt wurden. 

Mit dem Rundschreiben Nr. 450[2] aus dem Jahr 1936 wurde zusätzlich zu dieser einen Widerstandslinie eine zweite Linie zum Auffangen eines möglicherweise durchgebrochenen Feindes gefordert. Diese zweite Linie sollte prinzipiell den gleichen Aufbau wie die erste haben, jedoch sparsamer ausgeführt werden. Die Verteidigungslinie sollte mit halbpermanenten Anlagen, die nicht für eine dauerhafte Besetzung vorgesehen waren sowie mit Feldbefestigungen verstärkt werden.  

Das Jahr 1938 war in Europa von einer andauernden Kriegsgefahr gekennzeichnet: Die Sudetenkrise und der Anschluss Österreichs führten jedes Mal zu italienischen Truppenaufmärschen in Südtirol. Am 3.8.1938 erschien das Rundschreiben Nr. 7000: Um das bestehende Festungsnetz in kurzer Zeit zu verdichten, wurden kleine Bunker vorgeschrieben, die nach dem verantwortlichen General für dieses Rundschreiben auch Pariani-Stände („Appostamenti Pariani“) genannt wurden. Diese Bunker waren sehr sparsam ausgeführt und höchstens gegen den Beschuss durch mittlere Kaliber sicher. Sie besaßen nur ein oder zwei MG’s sowie einen minimalen Raum für die Bedienung und die Munition, jedoch keine Ventilation, Latrinen oder Küche. Für eine dauerhafte Besetzung waren sie nicht vorgesehen. Die Verwendung der teuren Panzerplatten für die MG-Stände wurde hier auf die Fälle beschränkt, in denen sie durch frontales gegnerisches Feuer bedroht waren.

In dem am 31.12.1939 erschienenen Rundschreiben Nr. 15000[3] wurde erstmals auch die Befestigung der Grenze zu Deutschland erwähnt. Die Bauwerke vom Typ 15000 glichen prinzipiell dem Typ 200 von 1931. Die Bezeichnung der Festungsbauten wechselte von „Centro di Resistenza“ (Widerstandszentrum) zu „Opera“ (Werk). Die neuen Werke sollten widerstandsfähiger sein, gleichzeitig zwang die militärische Lage jedoch zu drastischen Einsparungen an wichtigen Rohstoffen wie hochwertigen Panzerstahl. Man findet in den wenigen Werken des Typs 200 noch Decken- und Wandverstärkungen mit Stahlträgern, MG-Kasematten aus Chrom-Nickelstahl und zahlreiche Gastüren im Inneren. Die späteren Werke vom Typ 15000 hingegen sind weitgehend nur aus Stampfbeton hergestellt, bei dem die fehlenden Stahlverstärkungen durch stärkere Decken und Wände ausgeglichen wurden. Die Maschinengewehre wurden hier nur noch in Betonkasematten aufgestellt, und die Zahl der Gasschleusen auf das Notwendigste beschränkt. 

Ein Vierteljahr später wurden die Bauvorschriften noch einmal um einen wesentlichen Punkt[4] bezüglich der Verstärkung der Nahverteidigung der Werke ergänzt: Hierzu sollten zusätzliche Kampfstände für Schnellfeuergewehre dienen, die die rückwärtigen Eingänge, besonders gefährdete MG-Scharten und sonstige tote Winkel der Werke bestreichen konnten. Diese Ergänzung wurde jedoch nicht mehr bei allen Bauten umgesetzt, man findet sie eher bei den späteren Werken der zweiten und dritten Sperrlinien. Zusätzlich sollte die Kampfkraft der Werke durch Granatwerfer und Flammenwerfer verstärkt werden, was aber letztlich durch Produktionsengpässe verhindert wurde. 

Das Erscheinungsdatum des Rundschreibens Nr. 15000 liegt zwischen dem 1.9.1939, der den Beginn des Zweiten Weltkriegs markiert und dem 10.6.1940, an dem Italien an der Seite Deutschlands in den Krieg eintrat. Offensichtlich hoffte der italienische Generalstab zum Jahresende 1939 noch, dass Italien sich aus dem Konflikt heraus halten könne. Auch spiegelt sich hier das Misstrauen gegenüber dem machthungrigen nördlichen Verbündeten wieder. 

Im Juli 1940 führten italienische Offiziere eine Besichtigungsreise an der nun von deutschen Truppen besetzten französischen Maginot-Linie durch. Auf den dort gewonnenen Erkenntnissen beruhte das Rundschreiben Nr. 13500 vom 14.8.1941. Darin stellte General Roatta fest: „Es ist notwendig, dass die Werke, die im Bau oder der Planung sind, mit Panzerplatten für die Maschinengewehre ausgestattet werden, die hermetisch verschlossen werden können, mit Stellungen für Granatwerfer, um die schusstoten Räume zu beseitigen, mit Kampfständen für Schnellfeuergewehre und Flammenwerfer zum Flankieren der Schießscharten, Diamantgräben an den Eingängen und vor den Schießscharten, Auswurfrohre für Handgranaten zur Verteidigung dieser Gräben sowie Flammenwerfer mit Rundumwirkung zur Verteidigung der Decken der Werke.“ Diese zahlreichen und aufwändigen Forderungen wurden jedoch nur noch bei einigen wenigen Werken der 3. Linie umgesetzt.


Die Grafik zeigt eine idealisierte Sperrgruppe zur Abriegelung eines Grenzpasses: Die Betonbunker Nr. 2 und Nr. 5 flankieren mit ihren PAK-Geschützen die beiden Panzergräben. Die Sperrkette setzt sich zu den Talflanken hin mit den Kavernenwerken Nr. 1 und Nr. 6 fort. Der rückwärtige Bereich wird durch Werk Nr. 3 gedeckt. Die Werke sichern sich gegenseitig mit ihren Maschinengewehren gegen Nahangriffe. Das Artilleriewerk Nr. 4 sorgt für eine weiträumige Sperrung dieses Abschnitts. In den Kasernen Nr. I und Nr. II lagern Hochgebirgstruppen, die die weglose Gebirgsregion sperren.

 [1] Circolare 200 vom 6.1.1931: „Direttive per la organizzazione defensiva permanente in montagna“ („Vorschrift für die Organisation der beständigen Verteidigung im Gebirge“)

[2] Circolare 450 vom 27.1.1936: „Direttive per l’organisazzione della frontiera“ („Vorschrift zur Organisation der Grenze“)

[3] Circolare 15000 vom 31.12.1939: „Fortificazione permanente alla frontiera alpina“ („Beständige Befestigung der Alpenfront“)

[4] Circolare 600 vom 24.03.1940: „Postazioni per fucili mitragliatori“ („Stände für Schnellfeuergewehre“)

 

Südtirol wird befestigt
 

 

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