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Am Vallo Alpino wurden zwei
unterschiedliche Gruppen von Geschützen eingesetzt: Die Artillerie
im klassischen Sinne diente der Bekämpfung von feindlichen Truppen
jeglicher Art bis auf eine Entfernung von etwa 10 km. Hierzu gehörte
die 75-mm-Kanone Modell 1906 und die 100-mm-Haubitze Modell 1914.
Die zweite Gruppe bildeten die Panzerabwehrgeschütze (PAK), die mit
relativ kleinen Kalibern, aber hohen Geschossgeschwindigkeiten
angreifende Panzer bis auf eine Entfernung von etwa 1000 m bekämpfen
sollten. Verwendet wurden dazu die 57-mm-PAK Modell 1887 und die
47-mm-PAK Modell 1935.
Die 47-mm-PAK konnte mit
Stahlgranaten die Mitte der 30er Jahre üblichen Panzerungen bis zu
einer Stärke von 43 mm auf eine Entfernung von 500 m durchschlagen.
Bei einer Entfernung von 1000 m reichte es jedoch nur noch für 31
mm. Sie glich damit in ihrer Leistungsfähigkeit den entsprechenden
Modellen der zeitgenössischen französischen oder
tschechoslowakischen Landesbefestigungen. Mit Beginn des Zweiten
Weltkriegs wurden die Tanks aber immer schwerer gepanzert. Mit
Baubeginn des Vallo Alpino in Südtirol im Herbst 1939 war diese
Waffe somit schon nicht mehr auf der Höhe ihrer Zeit. Ihre
wichtigste taktische Aufgabe war die Flankierung von
Panzerhindernissen wie Gräben oder Mauern. Der Seitenrichtbereich
der Festungslafette betrug daher nur +/- 20°. Das Geschütz konnte
auf Schienen in den Kampfstand zurückgezogen werden, um der
gegnerischen Artilleriewirkung entzogen zu werden. Zum Beginn des
Zweiten Weltkriegs wurde überlegt, ein stärkeres Geschütz mit einem
Kaliber von 75 mm oder gar 90 mm einzuführen. Diese Ideen wurden
jedoch nicht mehr verwirklicht.

Eine Scharte für eine 47-mm-PAK
Modell 1935 flankierte den Panzergraben am Passo Tre Croci. Rechts
daneben ein Gewehrstand mit zwei Scharten für Schnellfeuergewehre,
die das direkte Vorfeld der PAK-Scharte schützten. Durch die kleine
Scharte ragten die Rohre der Lichtsprechanlage zum Nachbarwerk. Die
Panzerscharte selbst wurde wie fast immer bei diesem Typ wegen
Lieferengpässen nicht mehr eingebaut.
Für die 47-mm-PAK war eine Panzerscharte vorgesehen, bei der das
Kanonenrohr ähnlich wie im MG-Turm in einer drehbaren Panzerblende
gelagert war. Nach dem Zurückziehen der Kanone in „Schweigestellung“
konnte diese Blende durch eine Drehung hermetisch verschlossen
werden. Diese Panzerung wurde jedoch nicht mehr ausgeliefert, die
Kampfstände der Werke vom Typ 15000 bleiben daher sämtlich
unbewaffnet. In den Werken vom Typ 7000 wurde die 47-mm-PAK auf
ihrer Feldlafette ohne Schartenpanzer eingesetzt.
Die 57-mm-PAK war eigentlich
ein Marinegeschütz für Torpedoboote aus dem Jahr 1887. Da in den
frühen 30er Jahren noch keine spezielle Entwicklung zur Panzerabwehr
zur Verfügung stand, behalf man sich mit diesem Geschütz aus dem
Marine-Arsenal in La Spezia. Es hatte eine einfache Pivot-Lafette
und stand üblicherweise hinter einem 2,1 t schweren Schartenpanzer
aus Gussstahl. Die Geschützräume weisen einen typischen konischen
Grundriss auf. Die 57-mm-PAK wurde in Südtirol in den wenigen Werken
des Typs 200 eingesetzt.

Die Panzerabwehrgeschütze des Alpenwalls:
A)
57-mm-PAK 57/43 Modell 1887 in einer Betonkasematte mit
Schartenpanzer. Die Wände sind gegen das Abplatzen von Betonteilen
bei einem Treffer mit Doppel-T-Trägern verstärkt.
B)
47-mm-PAK 47/32 Modell 1935 in einer Betonkasematte ohne
Schartenpanzer. Die für dieses Geschütz geplanten Panzer wurden
wegen Engpässen in der Produktion nicht mehr eingesetzt.

Hier steht noch die originale Lafette einer 57-mm-PAK Modell 1882 im
Werk III am Reschenpass. Die Rohrwiege wurde nach dem Krieg für ein
größeres Geschütz modifiziert. Das Geschützrohr wurde vom
abziehenden Militär entfernt. Die weiße Wand markiert den 2,1 t
schweren Schartenpanzer. Links davon erkennt man die roten T-Träger,
die bei einem etwaigen Treffer auf die Frontmauer ein Abplatzen von
Betonsplittern nach innen verhindern sollten. Entlang der Decke
läuft noch das Rohr der Frischluftversorgung in einer
Nachkriegsausführung. Die Schartenöffnung wurde hier provisorisch
mit einem Stahlblech verschlossen
Die Panzerabwehrkanonen hatten eine genau spezifizierte Aufgabe
innerhalb eines kleinen räumlichen Bereichs zu erfüllen. Dagegen war
es die Aufgabe der Festungsartillerie, eine Annäherung des Gegners
schon auf große Entfernung zu verhindern sowie die Aufstellung
dessen Artillerie zu stören.
Die 100-mm-Haubitze war
eigentlich ein österreichisches Modell der Firma Skoda, es kam als
Kriegsbeute aus dem Ersten Weltkrieg zur italienischen Armee. Das
Geschütz wurde im Alpenwall auf Feldlafetten in Kavernenbatterien
eingesetzt, es existierte also keine spezielle Festungslafette
dafür.

Das Innere einer Betonkasematte für eine 100-mm-Haubitze Modell
1916. Wegen der Spreizlafette musste die Halle sehr breit sein. Die
mannshohe Scharte war wegen des ungünstigen Drehpunktes der
Feldlafette notwendig. Ihr Stahlrahmen deutet darauf hin, dass
hierfür der spätere Einbau einer Verschlussmöglichkeit vorgesehen
war. Das kleine Abzugsloch in der Decke beweist die völlig
unzureichende Ventilation des Geschützraums.

Ein Blick auf die gleiche
Geschützscharte von außen belegt die riesigen Dimensionen des
Kampfstandes. Die Eisengitter wurden nach dem Krieg montiert, die
Anlage wurde nach 1945 jedoch nicht mehr vom Militär benutzt. Die
Aufnahme entstand im Werk Nr. 1 am Kreuzbergsattel.
Die 75-mm-Kanone war das Standardgeschütz des Alpenwalls. Das
Geschütz war im Jahr 1906 das erste in der Welt, das regulär mit
Spreizlafette eingesetzt wurde. Diese Spreizung erlaubte einen
großen Seitenrichtbereich des Rohrs von 54° ohne die Lafette in
ihrer Position zu verändern. Es wurde in drei unterschiedlichen
Kampfständen aufgestellt:
·
Festungslafette Typ 3 in einer Panzerkasematte (ab
1932)
·
Festungslafette Typ 4 in Kasematte aus Beton oder
Felskaverne (ab 1938)
·
Feldlafette in Kasematte aus Beton oder Felskaverne
Für die Verwendung in einer
Betonkasematte wurde eine spezielle Festungslafette Typ 4
entwickelt, die eine Frontpanzerung mit Minimalscharte ermöglichte.
Hierzu wurde der Drehpunkt der Lafette weiter nach vorne direkt an
den Schartenpanzer verlegt. Der Vorteil dieser Anordnung war eine
sehr kleine Ausschussöffnung, die zusätzlich mit einer Kugelblende
oder einer seitlich verschiebbaren Kulisse hermetisch abgeschlossen
war und somit optimalen Schutz für das Geschütz und seine Bedienung
bot. Das Geschützrohr ragte nur wenig aus der Scharte heraus, so
dass das Geschütz gut zu tarnen war. Die Frontpanzerung war 10 cm
stark.

Eine Artilleriescharte für eine
75-mm-Kanone Modell 1906 auf Festungslafette. Die beiden mittleren
Tarnblenden fehlen. Die Aufnahme entstand am Werk Nr. 13 am
Kreuzbergsattel.

Innenansicht der gleichen Artilleriekasematte. Die Panzerung und die
Lafette Typ 4 für die 75-mm-Kanone wurden nicht mehr eingebaut, die
Moniereisen und T-Träger zur Verankerung der Panzerung liegen blank
im Mauerwerk. Eine weitere
Variante war die Verwendung des Geschützes auf seiner Feldlafette in
Kavernen oder Kasematten. Der Vorteil war, dass das Geschütz auch
außerhalb der Festung eingesetzt werden konnte. Die Werksgänge
mussten besonders große Kurvenradien besitzen, um das Geschütz mit
seinem langen Lafettenschwanz hineinfahren zu können. Die
Geschützscharte war recht groß, da der Drehpunkt des Rohrs im
Gegensatz zur Minimalscharte weit innerhalb des Gefechtsstandes lag.
Am Boden war eine Aussparung eingelassen, in die sich der Sporn des
Lafettenschwanzes gegen den Rückstoß beim Schießen abstützen konnte.

Feldgeschütze in Betonkasematten:
A)
100-mm-Haubitze Modell 1916 auf Feldlafette in einer
Betonkasematte. Die Scharte war nicht gepanzert und mit einem Meter
Breite und zwei Meter Höhe sehr empfindlich gegen feindlichen
Beschuss.
B)
75-mm-Kanone Modell 1906 auf Feldlafette in einer
Betonkasematte. Da der Drehpunkt des Geschützes weit hinter der
Scharte lag, musste diese sehr hoch und breit ausfallen.
Die kostspieligste Variante
war die Panzerkasematte, die allerdings nur an den Grenzen zu
Frankreich und Jugoslawien verwendet wurde. In der Batterie M. Croce
am Brennerpass war ihr Einsatz zwar vorgesehen, sie wurde dort
jedoch nicht mehr eingebaut. Die vierteilige Panzerung aus Gussstahl
umgab den gesamten Kampfraum. Sie wurde nur verwendet, wenn das
Gelände keine Kavernenanlagen zuließ und Betonkasematten zu
auffällig gewesen wären. Die Panzerkasematte wog etwa 40 t, sie
wurde in vier Teilen transportiert und vor Ort zusammengeschraubt.
Die Panzerung war an der Frontseite 32 cm stark und verjüngte sich
nach hinten auf 10 cm. Die Stahlteile wurden aus Tarnungsgründen mit
Beton verkleidet. Der Grundriss war unsymmetrisch, damit der
Richtschütze links neben dem Geschütz Platz fand. Die 24 cm mal 32
cm große Schießscharte war wegen der Zieloptik ebenfalls
unsymmetrisch. Das Geschütz besaß in dieser Variante die Rohrwiege
der Feldlafette, also keine Minimalschartenlafette. Das Rohr ragte
daher recht weit aus der Panzerkasematte heraus, auch war die
Scharte dadurch vergleichsweise groß. Der Rohrrücklauf wurde aber
wegen der beengten Platzverhältnisse von 1380 mm auf 600 mm
verkürzt. Dies war möglich, weil die große Masse des Panzers den
Rückstoß auffangen konnte.

75-mm-Kanone auf Festungslafette:
A)
75-mm-Kanone in Panzerkasematte Typ 3 (4-teilig): Frontpanzer
10,4 t, (2) Stirnpanzer 32 cm stark, 10,6 t, (3) Deckenpanzer 10,6
t, (4) Rückenpanzer 8,0 t. Der Seitenrichtbereich betrug +/- 20° ,
der Höhenrichtbereich –10° bis +30°.
B)
75-mm-Kanone auf Festungslafette Typ 4 in Felskaverne: (1)
Schartenpanzer mit verschiebbarer Panzerkulisse, (2) Rohr mit
Verschluss, (3) Pivotzapfen, (4) Rücklaufbremse mit Vorholer, (5)
vertikale Richtschiene mit Höhenrichtmaschine –10° / +20°, (6) Sitz
des Richtschützen, (7) horizontaler Richtkranz mit
Seitenrichtmaschine +/- 30°. Es wurden Versionen mit einem
Höhenrichtbereich bis zu +40° gebaut, bei denen die vertikale
Richtschiene entsprechen verlängert war.
Als Konsequenz des
Rundschreibens 13500 aus dem Jahr 1941 sollten auch noch
Granatwerfer am Alpenwall eingesetzt werden. Der Granatwerfer hat
seinen Ursprung in den Grabenkämpfen des Ersten Weltkriegs. Aufgrund
der guten Erfahrungen, die Frankreich bei der Verteidigung seiner
Maginot-Linie im Jahr 1940 mit dieser Waffe gemacht hatte, sollte am
Alpenwall der 81-mm-Granatwerfer eingesetzt werden. Es blieb jedoch
bei wenigen, eher provisorischen offenen Stellungen für diese Waffe,
die der Bedienung keinen festungsmäßigen Schutz bieten konnten.
Tabelle 2:
Eine Übersicht über die Artillerie des Vallo Alpino
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PAK 47/32
Modell 1935 |
PAK 57/43
Modell 1887 |
Kanone 75/27
Modell 1906 |
Haubitze 100/17
Modell 1914 |
|
|
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|
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|
Kaliber (mm) |
47 |
57 |
75 |
100 |
|
Rohrlänge (mm) |
1680 |
2729 |
2250 |
1930 |
|
Gewicht (kg) |
277 |
784 |
1015 |
1470 |
|
Kadenz (Schuss/min) |
10-14 |
5-8 |
10 |
4-6 |
|
Reichweite (m) |
7000
/ 600 |
6900 |
10240 |
9000 |
|
V0 (m/s) |
630 |
665 |
500 |
430 |
Nach dem Krieg wurde die
Bewaffnung der Anlagen teilweise wesentlich verstärkt. Die alten
47-mm- und 57-mm-Panzerabwehrkanonen wurden durch das 90-mm-Geschütz
90/32 ersetzt. Da die Panzerscharten für die alte 47-mm-PAK nie
geliefert wurden, behalf man sich nun mit modifizierten
MG-Panzerplatten. So erkennt man heute den Umbau der gewölbten
MG-Panzerplatte an der T-förmig erweiterten Schartenöffnung.

Dieser MG-Kampfstand im Werk Nr. 1 in Prags wurde nach dem Krieg
umgebaut,
um eine 90-mm-PAK in Minimalschartenlafette aufzunehmen
Die 75-mm-Kanone wurde in
den wenigen Fällen, in denen die Panzerung tatsächlich installiert
wurde, durch das 105-mm-Geschütz 105/25 ersetzt. Bei den Neubauten
entlang der italienisch-jugoslawischen Grenze wurden häufig die
Türme ausgedienter Panzerfahrzeuge mit ihren Geschützen eingebaut.
Vereinzelt kam es auch im Pustertal (Toblach, Olang-Rasen) zu deren
Verwendung.

Dieses Skodageschütz ist vor dem Werk
Gschwent
Die Besatzung und Bevorratung |