Der Alpenwall in Südtirol

 

Die Bausausführung der Festungswerke

(c) Die Uhrheberrechte bei den Seiten liegen bei Dr. Rolf Hentzschel
 und sind auszugsweise auch in abgeänderter Form, auf Papier oder Datenträgen verboten.

Ulrich Mößlang der Tauchbrillenspezialist

 

Nach ihren unterschiedlichen taktischen Aufgaben und Bewaffnungen unterscheidet man Infanterie- und Artilleriewerke. Während die Infanteriewerke mit ihren Maschinengewehren und Panzerabwehrkanonen die fordere Kampflinie verteidigten, deckten die weiter zurück gelegenen Artilleriewerke mit Kanonen oder Haubitzen weiträumig das gesamte Festungsgebiet sowie die Zufahrtsstraßen, Passhöhen und Talengen.

a. Die Infanteriewerke des Alpenwalls

Dem Betrachter bietet sich heute auf den ersten Blick eine verwirrende Vielzahl unterschiedlicher Erscheinungsformen der Festungswerke des Vallo Alpino. Er findet Werke, bei denen nur die Schießscharten aus dem Fels heraus lugen, Betonriesen, die scheinbar wie gestrandete Walfische in den Wiesen liegen, winzige Betonunterstände, nicht fertig gestellte Rohbauten und perfekt gepflegte Anlagen. Dabei sind die Werke des Vallo Alpino im Grunde streng typisiert, die Kombinationen der unterschiedlichen Kriterien führen jedoch letztlich zu einer ungeahnten Typenvielfalt. Die wesentlichen Unterscheidungskriterien sind:

Bauepoche

1932-1937

Typ 200

1938-1939

Typ 7000

1940-1942

Typ 15000

Bauweise

Betonwerke

Kavernenwerke

Gemischte Werke

Ausbaustärke

Ausbaustärke

Schutz gegen

Betonstärke der Decken und Wände (m)

Felsstärke (m)

 

 

 

 

 

A

große Kaliber

(350 mm)

2,50-3,50

6-8

B

mittlere Kaliber

(205 mm)

1,50-2,50

4-6

C

kleine Kaliber

(150 mm)

0,75–1,50

2-4

 

Bewaffnung

Infanteriewerk mit MG oder PAK

Artilleriewerk mit Kanonen oder Haubitzen

 

Größe

Werksgröße

Bewaffnung

Baustärke

kommandiert durch

 

 

 

 

kleines

1 bis 2 MG oder PAK

C oder B

Mannschaftsdienstgrad

mittleres

3 bis 4 MG oder PAK

B oder A

Unteroffizier

großes

mehr als 4 MG oder PAK

A oder B

Offizier

 

Aus der Kombination dieser fünf wesentlichen Kriterien ergeben sich theoretisch bereits 162 unterschiedliche Werkstypen. Tatsächlich wurde aber der Grundriss jedes Werks individuell für seine Lage und Aufgabe geplant. Es dürfte mit Ausnahme des Typs 7000 schwerfallen, zwei genau gleiche Bauten zu finden. 

Die Werke wurden wenn möglich in Felskavernen angelegt. Bei den Eingängen und Kampfständen ließ sich die Verwendung von Beton jedoch meist nicht vermeiden. Diese Kampfstände erscheinen einem Betrachter heute manchmal wie einzelne Bunker, zu denen scheinbar kein Eingang vorhanden ist. In Wirklichkeit führen hierbei unterirdische Gänge zu den rückwärtigen Kavernenanlagen. Wenn das Gelände keine Kavernenbauten im Felsen erlaubte, wurden die Werke ganz aus Beton gefertigt. Italien verwendete in dieser Epoche als einziges Land Europas keinen armierten Eisenbeton, sondern einfachen Stampfbeton. Dies lag nicht nur an der schlechten Rohstofflage des Landes, sondern auch an dem althergebrachten Misstrauen gegen diese moderne Bauweise. Man befürchtete, dass die Moniereisen bei einem Granateinschlag schädliche Schwingungen im Beton verbreiten würden, die dessen Reißen zur Folge haben könnten. In der Umgebung von Mauerscharten für Maschinengewehre oder Kanonen wurde jedoch zur Verstärkung eine Eisenbewehrung eingebaut. Die Sicherheit gegen schweren Granatbeschuss sah man durch die folgenden Maßnahmen sichergestellt: 

·         Die maximale lichte Weite der Innenräume wurde auf 3,50 m beschränkt. Diese Raumgröße wurde nur bei den Unterkunftsräumen und Haubitzenkasematten erreicht.

·         Die Räume besaßen innen ein Tonnengewölbe, welches das Abplatzen von Deckenteilen bei einem Volltreffer verhindern sollte.

·         Die Wände und Decken der Werke waren für ihre Größe betrachtet sehr stark. 

In Wirklichkeit hatte die italienische Betonbauweise erhebliche Schwächen: Der Beton wurde nicht in einem Stück gegossen, sondern in Schichten von etwa 20 cm Stärke aufgetragen und durch Stampfen verdichtet. Die Verbindung dieser Schichten untereinander war aber nicht sehr fest, so dass es bei seitlichen Treffern zu Verschiebungen zwischen diesen Schichten kommen konnte. An den Beschussversuchen der deutschen Wehrmacht am Werk Nr. 7 der Sperrgruppe Mals-Glurns kann man noch heute sehen, wie meterdicke Wandstücke durch den Aufprall eines einzigen Geschosses nach innen verschoben worden sind. 

Der Beton wurde zum Schluss von innen und außen sorgfältig mit Zementestrich verputzt. Die äußere Schicht dieses Putzes verhinderte, dass Regenwasser in Spalten und Risse des Betons eindringen konnte und dort zu Frostschäden führte. Der innere Putz hatte hauptsächlich eine ästhetische Funktion. Bei einem möglichen Beschuss hätte dies aber verheerende Folgen haben können, da der Putz durch die Schockwirkung von Treffern abgeplatzt wäre und der Besatzung das Gefühl gegeben hätte, dass die Betondecken zusammenbrechen. Die Lehren aus dem Ersten Weltkrieg zeigten, dass dieses psychologische Moment keineswegs zu vernachlässigen war, wenn Staub und herabfallende Betonbrocken der Besatzung den Mut raubten. 

Der Eingang wurde bei den Bunkern und Kavernenanlagen vom Typ 15000 mit einer 8 mm starken luftdrucksicheren Tür verschlossen, die allenfalls Schutz gegen Granatsplitter bot. Diese Tür lag im Wirkungsbereich von Verteidigungsscharten für Schnellfeuergewehre, die einen gewaltsamen Angriff gegen den Eingang abwehren sollten. In der Regel hatte jedes Werk mindestens zwei Eingänge, die auf der dem feindlichen Feuer abgewandten Werksseite lagen. Der Gang hinter der Eingangstür wurde manchmal noch durch eine zusätzliche Gittertür gesperrt. Der weitere Weg war durch eine Schikane gegen direkte Einschüsse geschützt. In diesem Bereich lag meist ein innerer Gewehrstand zur Eingangsverteidigung, das Stromaggregat, die Latrinen und manchmal auch die Küche. Die Truppenunterkunft, Lagerräume für Wasser, Lebensmittel und Munition sowie die Funktionsräume für den Kommandanten, den Sanitäter und die Telefonisten waren nach außen durch eine zweitürige Gasschleuse abgeschottet. Die weiteren Verbindungsgänge zu den Kampfständen waren ebenfalls durch Gasschleusen vom inneren Kern des Werks getrennt.


Innenseite der Panzertür des Werks Nr. 8 der Sperrgruppe Toblach. Die linke Stiege führt zum Nahkampfstand. Die taktischen Symbole rechts an der Wand stammen aus der Nachkriegszeit.
Foto Caspar Vermeulen.

Die Unterkünfte lagen bei den einstöckigen Betonwerken meist in der zweiten Reihe hinter den Kampfständen und waren von diesen noch einmal durch eine dicke Wand getrennt. Bei zweistöckigen Anlagen lagen die Unterkünfte im Untergeschoss. Der Werksbesatzung sollte so auch bei direktem Beschuss ein gewisses Gefühl der Geborgenheit vermittelt werden.

 

Die Unterkünfte der Kavernenwerke glichen lang gestreckten U-Bahntunneln: Auf der einen Längsseite standen die 3-stöckigen Betten, auf der anderen Seite lag der Hauptgang, durch den manchmal der gesamte innere Werksverkehr zwischen dem Eingang und den Kampfständen führte. Die Räume für den Kommandanten und Sanitäter sowie die Telefonzentrale waren als Kabinen in diesem Gewölbegang abgetrennt. Insgesamt kann die Einrichtung als sehr spartanisch bezeichnet werden. Außer wenigen schwachen elektrischen 15-Watt-Lampen, den Nischen für die Notbeleuchtung und den Lüftungsrohren waren die Wände im wesentlichen nackt.


Blick in ein Unterkunftsraum in einem Infanteriewerk. In der linken Wand sieht man eine flache Nische für den Gewehrständer, vier Nischen für Wassertanks und einen Nebenraum für den Ventilator und die Luftfilter. Die senkrechten Rohre führten die Frischluft zu den Kampfständen. Die Rohrschellen an der Decke deuten die Lage der Be- und Entlüftungsrohre des Schlafraums an. Hier standen in 16 Reihen die Dreifachbetten für insgesamt 48 Mann.

Großen Wert legte man auf die Trockenhaltung des Werksinneren. Die Kavernenanlagen waren manchmal innen mit einer Teerpappeschicht ausgekleidet. Auf diese wasserdichte Schicht wurden Hohlziegeln gemauert, die für eine gewisse Wärmedämmung sorgten. Bei den Betonbauwerken wurde auf die Außenfläche eine Bitumenschicht aufgetragen, um das Eindringen von Sickerwasser durch Betonrisse zu verhindern. Da die Felswände oder dicken Betonmauern im Sommer jedoch immer kälter waren als die Außenluft, wurden die Wände durch das Kondenswasser von innen feucht. Dieses Phänomen führte stets zu einem ungesunden Raumklima und konnte nie wirklich verhindert werden. Man behalf sich daher mit der Abmilderung der Auswirkungen: Zur Ableitung des Schwitzwassers wurden Ablaufrinnen entlang der Wände gezogen und das Wasser über Drainagerohre nach außen geführt.


Die Kavernen des Artilleriewerks Nr. 10 bei Mals sind nicht mehr fertig ausgebaut worden. An diesem Übergang zwischen dem Unterkunftsraum und dem Verbindungsgang kann man die Bauweise gut studieren: Der Raum zwischen der inneren Betonauskleidung und dem Fels wurde mit lose aufgeschütteten Steinen aufgefüllt, die als Drainage für das Sickerwasser aus dem Berg dienten. Die unterirdischen Anlagen sind daher auch heute noch erstaunlich trocken

Die Gänge zu den Kampfständen waren stets gebrochen ausgeführt, so dass bei einem Zufallstreffer durch eine Scharte das Werksinnere nicht gefährdet war. Auch bei den Bunkern war jeder Kampfstand als einzelnen Raum ausgeführt. Dies bedingte, dass zwischen den einzelnen Räumen oft reichlich verlorener Raum lag, der mit Beton ausgefüllt war. Überhaupt waren die Innenwände oft mehrere Meter dick und vermittelten den Eindruck einer gewissen Solidität.


Grundriss des Werks Nr. 15 der Sperrgruppe Mals. Die zweistöckige Anlage vom Typ 15000 war mit fünf MG’s bewaffnet. Das große Werk hatte die Ausbaustärke A, die Wände waren 3,50 m stark. Wegen des typischen Grundrisses werden diese  Bunker gerne als „Kaulquappenbunker“ bezeichnet. Es wurden etwa 2500 m3 Beton verbaut!

(A) Seitenansicht

 

mit Erdaufschüttung

(B) Seitenriss

 

 

(C) Obergeschoss:

1

Latrine

 

2

Wache mit Eingangsverteidigung

 

3

Stromgenerator

 

4

Treibstoff für Generator

 

5

Küche

 

6

Waschraum

 

7

Kommandozentrale

 

8

Waffenlager

 

9

Munitionslager

 

10

Telefonzentrale

 

11

MG mit flacher Panzerplatte Stärke 7 cm

 

12

MG mit gewölbter Panzerplatte Stärke 20 cm

 

13

Beobachtungsstand mit Periskop

 

14

Gasschleuse mit zwei Gasschutztüren

 

15

Nische für zwei Wassertanks von je 1000 l

 

16

Lager

 

17

Notstiege zwischen Obergeschoss und Untergeschoss

 

17a

Nahkampfstand für Schnellfeuergewehr (nur bei Werk 24)

 

 

 

(D) Untergeschoss:

18

Ventilator mit Luftfiltern

 

19

Lebensmittel

 

20

Gasschutzmaterial

 

21

Materiallager

 

22

Unterkunft 3 Offiziere oder Unteroffiziere

 

23

Sanitätsposten

 

24

Unterkunft für  48 Mann

 

25

seitlicher Notausgang

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Kavernenanlagen waren geländebedingt oft auf mehrere Stockwerke verteilt. Die Verbindung zwischen diesen Stockwerken führte stets über Treppen, die manchmal bedenkliche Längen erreichten. Wendeltreppe wurde aus Betonfertigteilen gebaut oder aber aus Holz. Diese Holztreppen sind durch die feuchte Atmosphäre heute oft völlig morsch und stellen für einen möglichen Besucher eine ernsthafte Gefahr dar. 

Technisch aufwändige Lösungen wie Aufzüge, Schmalspurbahnen, drehbare oder gar versenkbare Geschütztürme, wie sie für die französische Maginot-Linie charakteristisch waren, findet man am Alpenwall nirgends. Somit konnten die Werke auch von Artilleristen des Feldheeres besetzt werden, die keine Spezialisten für besondere Festungseinrichtungen besaßen.

 

Die Artilleriewerke

 

 

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