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Nach ihren unterschiedlichen
taktischen Aufgaben und Bewaffnungen unterscheidet man Infanterie-
und Artilleriewerke. Während die Infanteriewerke mit ihren
Maschinengewehren und Panzerabwehrkanonen die fordere Kampflinie
verteidigten, deckten die weiter zurück gelegenen Artilleriewerke
mit Kanonen oder Haubitzen weiträumig das gesamte Festungsgebiet
sowie die Zufahrtsstraßen, Passhöhen und Talengen.
Dem Betrachter bietet sich
heute auf den ersten Blick eine verwirrende Vielzahl
unterschiedlicher Erscheinungsformen der Festungswerke des Vallo
Alpino. Er findet Werke, bei denen nur die Schießscharten aus dem
Fels heraus lugen, Betonriesen, die scheinbar wie gestrandete
Walfische in den Wiesen liegen, winzige Betonunterstände, nicht
fertig gestellte Rohbauten und perfekt gepflegte Anlagen. Dabei sind
die Werke des Vallo Alpino im Grunde streng typisiert, die
Kombinationen der unterschiedlichen Kriterien führen jedoch
letztlich zu einer ungeahnten Typenvielfalt. Die wesentlichen
Unterscheidungskriterien sind:
Bauepoche
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1932-1937 |
Typ 200 |
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1938-1939 |
Typ 7000 |
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1940-1942 |
Typ 15000 |
Bauweise
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Betonwerke |
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Kavernenwerke |
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Gemischte Werke |
Ausbaustärke
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Ausbaustärke |
Schutz gegen |
Betonstärke der Decken und Wände (m) |
Felsstärke (m)
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A |
große Kaliber
(350 mm) |
2,50-3,50 |
6-8 |
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B |
mittlere Kaliber
(205 mm) |
1,50-2,50 |
4-6 |
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C |
kleine Kaliber
(150 mm) |
0,75–1,50 |
2-4 |
Bewaffnung
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Infanteriewerk mit MG oder PAK |
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Artilleriewerk mit Kanonen oder Haubitzen |
Größe
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Werksgröße |
Bewaffnung |
Baustärke |
kommandiert durch |
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kleines |
1 bis 2 MG oder PAK |
C oder B |
Mannschaftsdienstgrad |
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mittleres |
3 bis 4 MG oder PAK |
B oder A |
Unteroffizier |
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großes |
mehr als 4 MG oder PAK |
A oder B |
Offizier |
Aus der Kombination dieser
fünf wesentlichen Kriterien ergeben sich theoretisch bereits 162
unterschiedliche Werkstypen. Tatsächlich wurde aber der Grundriss
jedes Werks individuell für seine Lage und Aufgabe geplant. Es
dürfte mit Ausnahme des Typs 7000 schwerfallen, zwei genau gleiche
Bauten zu finden.
Die Werke wurden wenn
möglich in Felskavernen angelegt. Bei den Eingängen und Kampfständen
ließ sich die Verwendung von Beton jedoch meist nicht vermeiden.
Diese Kampfstände erscheinen einem Betrachter heute manchmal wie
einzelne Bunker, zu denen scheinbar kein Eingang vorhanden ist. In
Wirklichkeit führen hierbei unterirdische Gänge zu den rückwärtigen
Kavernenanlagen. Wenn das Gelände keine Kavernenbauten im Felsen
erlaubte, wurden die Werke ganz aus Beton gefertigt. Italien
verwendete in dieser Epoche als einziges Land Europas keinen
armierten Eisenbeton, sondern einfachen Stampfbeton. Dies lag nicht
nur an der schlechten Rohstofflage des Landes, sondern auch an dem
althergebrachten Misstrauen gegen diese moderne Bauweise. Man
befürchtete, dass die Moniereisen bei einem Granateinschlag
schädliche Schwingungen im Beton verbreiten würden, die dessen
Reißen zur Folge haben könnten. In der Umgebung von Mauerscharten
für Maschinengewehre oder Kanonen wurde jedoch zur Verstärkung eine
Eisenbewehrung eingebaut. Die Sicherheit gegen schweren
Granatbeschuss sah man durch die folgenden Maßnahmen
sichergestellt:
·
Die maximale lichte Weite der Innenräume wurde auf
3,50 m beschränkt. Diese Raumgröße wurde nur bei den
Unterkunftsräumen und Haubitzenkasematten erreicht.
·
Die Räume besaßen innen ein Tonnengewölbe, welches
das Abplatzen von Deckenteilen bei einem Volltreffer verhindern
sollte.
·
Die Wände und Decken der Werke waren für ihre Größe
betrachtet sehr stark.
In Wirklichkeit hatte die
italienische Betonbauweise erhebliche Schwächen: Der Beton wurde
nicht in einem Stück gegossen, sondern in Schichten von etwa 20 cm
Stärke aufgetragen und durch Stampfen verdichtet. Die Verbindung
dieser Schichten untereinander war aber nicht sehr fest, so dass es
bei seitlichen Treffern zu Verschiebungen zwischen diesen Schichten
kommen konnte. An den Beschussversuchen der deutschen Wehrmacht am
Werk Nr. 7 der Sperrgruppe Mals-Glurns kann man noch heute sehen,
wie meterdicke Wandstücke durch den Aufprall eines einzigen
Geschosses nach innen verschoben worden sind.
Der Beton wurde zum Schluss
von innen und außen sorgfältig mit Zementestrich verputzt. Die
äußere Schicht dieses Putzes verhinderte, dass Regenwasser in
Spalten und Risse des Betons eindringen konnte und dort zu
Frostschäden führte. Der innere Putz hatte hauptsächlich eine
ästhetische Funktion. Bei einem möglichen Beschuss hätte dies aber
verheerende Folgen haben können, da der Putz durch die Schockwirkung
von Treffern abgeplatzt wäre und der Besatzung das Gefühl gegeben
hätte, dass die Betondecken zusammenbrechen. Die Lehren aus dem
Ersten Weltkrieg zeigten, dass dieses psychologische Moment
keineswegs zu vernachlässigen war, wenn Staub und herabfallende
Betonbrocken der Besatzung den Mut raubten.
Der Eingang wurde bei den
Bunkern und Kavernenanlagen vom Typ 15000 mit einer 8 mm starken
luftdrucksicheren Tür verschlossen, die allenfalls Schutz gegen
Granatsplitter bot. Diese Tür lag im Wirkungsbereich von
Verteidigungsscharten für Schnellfeuergewehre, die einen gewaltsamen
Angriff gegen den Eingang abwehren sollten. In der Regel hatte jedes
Werk mindestens zwei Eingänge, die auf der dem feindlichen Feuer
abgewandten Werksseite lagen. Der Gang hinter der Eingangstür wurde
manchmal noch durch eine zusätzliche Gittertür gesperrt. Der weitere
Weg war durch eine Schikane gegen direkte Einschüsse geschützt. In
diesem Bereich lag meist ein innerer Gewehrstand zur
Eingangsverteidigung, das Stromaggregat, die Latrinen und manchmal
auch die Küche. Die Truppenunterkunft, Lagerräume für Wasser,
Lebensmittel und Munition sowie die Funktionsräume für den
Kommandanten, den Sanitäter und die Telefonisten waren nach außen
durch eine zweitürige Gasschleuse abgeschottet. Die weiteren
Verbindungsgänge zu den Kampfständen waren ebenfalls durch
Gasschleusen vom inneren Kern des Werks getrennt.

Innenseite der Panzertür des Werks
Nr. 8 der Sperrgruppe Toblach. Die linke Stiege führt zum
Nahkampfstand. Die taktischen Symbole rechts an der Wand stammen aus
der Nachkriegszeit.
Foto Caspar Vermeulen.
Die Unterkünfte lagen bei
den einstöckigen Betonwerken meist in der zweiten Reihe hinter den
Kampfständen und waren von diesen noch einmal durch eine dicke Wand
getrennt. Bei zweistöckigen Anlagen lagen die Unterkünfte im
Untergeschoss. Der Werksbesatzung sollte so auch bei direktem
Beschuss ein gewisses Gefühl der Geborgenheit vermittelt werden.
Die Unterkünfte der
Kavernenwerke glichen lang gestreckten U-Bahntunneln: Auf der einen
Längsseite standen die 3-stöckigen Betten, auf der anderen Seite lag
der Hauptgang, durch den manchmal der gesamte innere Werksverkehr
zwischen dem Eingang und den Kampfständen führte. Die Räume für den
Kommandanten und Sanitäter sowie die Telefonzentrale waren als
Kabinen in diesem Gewölbegang abgetrennt. Insgesamt kann die
Einrichtung als sehr spartanisch bezeichnet werden. Außer wenigen
schwachen elektrischen 15-Watt-Lampen, den Nischen für die
Notbeleuchtung und den Lüftungsrohren waren die Wände im
wesentlichen nackt.

Blick in ein Unterkunftsraum in einem
Infanteriewerk. In der linken Wand sieht man eine flache Nische für
den Gewehrständer, vier Nischen für Wassertanks und einen Nebenraum
für den Ventilator und die Luftfilter. Die senkrechten Rohre führten
die Frischluft zu den Kampfständen. Die Rohrschellen an der Decke
deuten die Lage der Be- und Entlüftungsrohre des Schlafraums an.
Hier standen in 16 Reihen die Dreifachbetten für insgesamt 48 Mann.
Großen Wert legte man auf
die Trockenhaltung des Werksinneren. Die Kavernenanlagen waren
manchmal innen mit einer Teerpappeschicht ausgekleidet. Auf diese
wasserdichte Schicht wurden Hohlziegeln gemauert, die für eine
gewisse Wärmedämmung sorgten. Bei den Betonbauwerken wurde auf die
Außenfläche eine Bitumenschicht aufgetragen, um das Eindringen von
Sickerwasser durch Betonrisse zu verhindern. Da die Felswände oder
dicken Betonmauern im Sommer jedoch immer kälter waren als die
Außenluft, wurden die Wände durch das Kondenswasser von innen
feucht. Dieses Phänomen führte stets zu einem ungesunden Raumklima
und konnte nie wirklich verhindert werden. Man behalf sich daher mit
der Abmilderung der Auswirkungen: Zur Ableitung des Schwitzwassers
wurden Ablaufrinnen entlang der Wände gezogen und das Wasser über
Drainagerohre nach außen geführt.

Die Kavernen des Artilleriewerks Nr. 10 bei Mals sind nicht mehr
fertig ausgebaut worden. An diesem Übergang zwischen dem
Unterkunftsraum und dem Verbindungsgang kann man die Bauweise gut
studieren: Der Raum zwischen der inneren Betonauskleidung und dem
Fels wurde mit lose aufgeschütteten Steinen aufgefüllt, die als
Drainage für das Sickerwasser aus dem Berg dienten. Die
unterirdischen Anlagen sind daher auch heute noch erstaunlich
trocken
Die Gänge zu den
Kampfständen waren stets gebrochen ausgeführt, so dass bei einem
Zufallstreffer durch eine Scharte das Werksinnere nicht gefährdet
war. Auch bei den Bunkern war jeder Kampfstand als einzelnen Raum
ausgeführt. Dies bedingte, dass zwischen den einzelnen Räumen oft
reichlich verlorener Raum lag, der mit Beton ausgefüllt war.
Überhaupt waren die Innenwände oft mehrere Meter dick und
vermittelten den Eindruck einer gewissen Solidität.

Grundriss des Werks Nr. 15 der Sperrgruppe Mals. Die
zweistöckige Anlage vom Typ 15000 war mit fünf MG’s bewaffnet. Das
große Werk hatte die Ausbaustärke A, die Wände waren 3,50 m stark.
Wegen des typischen Grundrisses werden diese Bunker gerne als
„Kaulquappenbunker“ bezeichnet. Es wurden etwa 2500 m3
Beton verbaut!
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(A)
Seitenansicht |
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mit
Erdaufschüttung |
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(B)
Seitenriss |
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(C)
Obergeschoss: |
1 |
Latrine |
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2 |
Wache mit
Eingangsverteidigung |
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3 |
Stromgenerator |
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4 |
Treibstoff
für Generator |
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5 |
Küche |
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6 |
Waschraum |
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7 |
Kommandozentrale |
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8 |
Waffenlager |
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9 |
Munitionslager |
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10 |
Telefonzentrale |
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11 |
MG mit
flacher Panzerplatte Stärke 7 cm |
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12 |
MG mit
gewölbter Panzerplatte Stärke 20 cm |
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13 |
Beobachtungsstand mit Periskop |
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14 |
Gasschleuse
mit zwei Gasschutztüren |
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|
15 |
Nische für
zwei Wassertanks von je 1000 l |
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16 |
Lager |
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17 |
Notstiege
zwischen Obergeschoss und Untergeschoss |
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17a |
Nahkampfstand für Schnellfeuergewehr (nur bei Werk 24) |
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(D)
Untergeschoss: |
18 |
Ventilator
mit Luftfiltern |
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19 |
Lebensmittel |
|
|
20 |
Gasschutzmaterial |
|
|
21 |
Materiallager |
|
|
22 |
Unterkunft 3
Offiziere oder Unteroffiziere |
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23 |
Sanitätsposten |
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24 |
Unterkunft
für 48 Mann |
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25 |
seitlicher
Notausgang |
Die Kavernenanlagen waren
geländebedingt oft auf mehrere Stockwerke verteilt. Die Verbindung
zwischen diesen Stockwerken führte stets über Treppen, die manchmal
bedenkliche Längen erreichten. Wendeltreppe wurde aus
Betonfertigteilen gebaut oder aber aus Holz. Diese Holztreppen sind
durch die feuchte Atmosphäre heute oft völlig morsch und stellen für
einen möglichen Besucher eine ernsthafte Gefahr dar.
Technisch aufwändige
Lösungen wie Aufzüge, Schmalspurbahnen, drehbare oder gar
versenkbare Geschütztürme, wie sie für die französische
Maginot-Linie charakteristisch waren, findet man am Alpenwall
nirgends. Somit konnten die Werke auch von Artilleristen des
Feldheeres besetzt werden, die keine Spezialisten für besondere
Festungseinrichtungen besaßen.
Die
Artilleriewerke |